10 Berlin-Expertisen von ausländischen MitbürgerInnen
Unser Ausland
DE 2002

Über lange Zeit hat sich der ethnografische Blick immer von uns weg gerichtet – auf „die anderen“, die wir nicht als Teil von uns selbst begreifen. Spätestens mit „Petit à petit” hat Jean Rouch diesen Blick umgedreht und uns unsere eigenen Untersuchungsmethoden vor Augen geführt. In den 80er und 90er Jahren hat die Ethnografie neue Wege beschritten, den Blick nach innen verlegt und die Frage gestellt: Was ist eigentlich für wen das „Eigene“ und was „das Fremde“? Das Videoprojekt „Unser Ausland“ geht diesen Weg konsequent weiter: Wenn Menschen sich zwischen verschiedenen Kulturen bewegen, zerbricht die Einheit des homogenen „Eigenen“ und macht Platz für neue
Blickwinkel, die sich dem eigenen Umfeld von außen her annähern. „Menschen aus fast allen Ländern der Welt leben in Berlin oder besuchen die Stadt für ein paar Wochen, Monate, Jahre. Was sie mitbringen, ist ihr spezieller Blick, der zu Vergleichen mit den ihnen vertrauten Lebensweisen, Kulturen und Umgangsformen reizt. Manche von ihnen entwickeln in dieser Disziplin ethnografische Meisterschaft, denn
genau wie in der klassischen Feldforschung leben sie Tür an Tür mit den Einheimischen.“ Auf Grundlage dieser Überlegungen hat Dorothee
Wenner 1997 eine Kolumne für die Zeit geschrieben. 26 Personen aus unterschiedlichen Ländern, unterschiedlichen Alters und in unterschiedlichen Berufen erzählten, was ihnen hierzulande auffällt, was ihnen behagt und was nicht. Die Resonanz war erstaunlich: Viele nicht-deutsche LeserInnen schrieben lange Briefe über ihre eigenen Erfahrungen, die Interviewten selbst wurden zu Talkshows eingeladen, und mehrere europäische Schulbuchverlage druckten die Texte für den Deutschunterricht nach. Für eine dreimonatige Wanderausstellung wurde das Konzept auf audiovisueller Ebene weiterentwikkelt. In einer komplexen Videoinstallation beschreiben in Berlin wohnhafte AusländerInnen die Besonderheiten der Deutschen und ihrer Kultur. Sie tun dies nicht aus dem Blickwinkel der „Fremden“, sondern als ausgewiesene ExpertInnen für ein spezielles Fach, eine besondere Profession. So beschäftigt sich z. B. der russische Schriftsteller
Vladimir Kaminer in der „Russendisko“ mit deutschen Männern und ihrem Verhältnis zu russischen Frauen, die burundische Juristin Jocelyn
Ntikahavuye betrachtet das modisch durchgestylte Leben angehender Juristinnen auf dem Campus, die koreanische Heilpraktikerin Sui Eu Ok verzweifelt an der Enge deutscher Friedhöfe, die französische Schlagersängerin Françoise Cactus begutachtet das problematische Verhältnis der Deutschen zu ihrem Haupthaar und der Automechaniker Augustine Tullah aus Sierra Leone wundert sich über die noch immer starke Verbreitung der Autokrankheit. Für die Werkleitz Biennale wird ein Teil der zehn Kurzfilme in einer Preview vorgestellt.

Dorothee Wenner (D), Unser Ausland, 2002, 70 Min., Preview